Was ist das Schnellste auf dieser Welt?

- Die Erzählerin Özlem Tetik zu Gast beim BBZ des Mädchenwerks in Zwiesel

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„Was ist das Schnellste auf dieser Welt?‘, fragte der Richter den reichen und den armen Bauern.“ Im Regener Pfarrheim sitzen dreißig Kinder im Stuhlkreis um die Erzählerin Özlem Tetik und überlegen. „Der liebe Gott.“, flüstert ein Mädchen. „Ein Düsenjet.“, schlägt ein Junge vor. „Ein Baum, der fällt! “, ruft ein dritter. „Ihr habt tolle Ideen!“, lobt Özlem Tetik. „Im Märchen“, fährt sie fort, „sagt der arme Bauer: ‚Das Schnellste auf dieser Welt ist der menschliche Gedanke.‘“ Sie hält inne, einige der Kinder nicken. Dann erzählt Özlem Tetik, die hauptberuflich ein städtisches Haus für Kinder in München leitet, die Geschichte weiter. Nach einer Ausbildung als Bühnenerzählerin tritt sie immer wieder als Erzählerin von Märchen und Weisheitsgeschichten unterschiedlicher Kulturkreise auf. Eingeladen vom Berufsbildungszentrum für soziale Berufe des Mädchenwerks in Zwiesel erzählte Özlem Tetik am 21. und 22.5.2019 in vier Veranstaltungen insgesamt 120 Kindern aus dem Waldkindergarten in Frauenau, dem Kindergarten Maria Magdalena in Langdorf, dem Kindergarten St. Sebastian und dem AWO Kindergarten in Zwiesel sowie aus den Regener Kindergärten St. Anna, St. Josef und St. Michael.
Neben den Kindern lauschten auch 125 Schülerinnen und Schüler der Zwieseler Berufsfachschule für Kinderpflege und der Fachakademie für Sozialpädagogik den Weisheitsgeschichten. Mit Interesse beobachteten sie, wie Özlem Tetik jede Erzählstunde zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis werden ließ, an dem alle Kinder beteiligt waren.
Im Anschluss daran setzte sich Özlem Tetik mit den Schülern und Schülerinnen des BBZ zusammen und stellte sich mit großer Aufgeschlossenheit ihren Fragen. Wie erzählt man lebendig? Wie lässt sich die Aufmerksamkeit von Kindern aufrechterhalten? Nach welchen Kriterien wählen Sie Geschichten aus? Wie sind sie selbst Erzählerin geworden? „Trauen Sie sich, selbst zu erzählen!“, ermutigte Özlem Tetik die zukünftigen Kinderpfleger und Erzieherinnen. „Kinder brauchen Märchen und gute Geschichten. Märchen veranschaulichen, was im Leben auf einen zukommen und wie man Herausforderungen bestehen kann. Sie zeigen, dass sich Dinge ändern lassen, auch man selbst. Märchen machen Mut, das Leben zu wagen.“ Der Mut, die sicheren Räume des Vertrauten zu verlassen und ins Unbekannte aufzubrechen, spiegelt sich auch in Özlem Tetiks eigenem Lebensweg wieder: geboren in München, aufgewachsen bei der Großmutter in der Türkei, mit 11 von den Eltern nach München geholt, Schule in der fremden Sprache Deutsch, Hauptschulabschluss, Ausbildung zur Kinderpflegerin, Ausbildung zur Erzieherin in Berlin, Arbeit in verschiedenen Kindertagesstätten in München, Ausbildung zur Bühnenerzählerin, berufsbegleitendes Pädagogik-Studium, Leiterin eines Hauses für Kinder.
Mit Özlem Tetik erlebten Kinder und Erwachsene spannend erzählte, zum Nachdenken anregende Geschichten und zudem eine eindrucksvolle Pädagogin, die die Begegnung mit dem Anderen auf Augenhöhe vorlebte und Mut machte, sich mit Neugier auf die Unvorhersehbarkeiten des Lebens einzulassen.
                                                                                 Simone Hein-Khatib